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REVIEW ACHENSEELAUF

Schon im Mai diesen Jahres hatten mein Freund & ich ausgemacht den Achenseelauf als Staffel zu bestreiten. Er die 14,0 km (tatsächlich 14,5 km laut Garmin fenix 5 Plus) & ich die 9,2 km mit den 150 Höhenmeter (laut meiner AppleWatch & diverse Uhren anderer Teilnehmer 200hm).

Wir hatten uns Ziele gesetzt & diese auch erreicht... doch viel lief anders als geplant.

nass, kalt & treppen, treppen, treppen

welche erwartungen wir hatten...

Mit der Überzeugung beim Start meinen Freund anzufeuern & dass er mich im Ziel empfangen kann, meldeten wir uns im Juni für unseren ersten gemeinsamen Staffellauf an. Mein Freund sollte die längere & weniger technische Strecke mit den 14 km übernehmen & ich die kürzere, dafür technischere Strecke von Achenkirch zurück nach Pertisau. Eigentlich wäre mein Freund für diese Strecke viel geeigneter als ich gewesen, aber aus strategischen Gründen überlies er mir den nostalgischen Teil. Der zweite Part des Rundlaufs verläuft über schmale Wege & das Überholen war nur sehr schwer möglich. Unser Ziel war es die 23,2 km unter 2:10hh zu bestreiten. Gewünscht hätten wir uns eine Zeit unter 2 h. Der Plan war es: mein Freund 1:10 h & ich 55 min. Als Referenzwert diente hierfür der Hall-Wattens-Halbmarathon Ende Mai, bei dem ich für 120 hm & 9,3 km ca. 53 min brauchte. Wie falsch ich doch lag....

der tag davor...

Eigentlich wollte ich am Freitag vor dem Lauf (der Wettkampf fand am Sonntag statt) noch eine lockere Runde mit dem Rennrad drehen, um mich nicht zu überanstrengen, da ich mich an den Vortagen kränklich fühlte. Das Wetter machte mir jedoch einen Strich durch die Rechnung, sodass ich drei komplette Ruhetage hatte. Am Samstagabend genossen wir noch einen schönen Nachmittag in der Therme. Doch die Nervosität war bereits präsent. Allein der Gedanke, den Wettkampf zu bestreiten, ließ meinen Puls um ganze 20 Herzschläge pro Minute schneller schlagen. Schon als Kind war ich vor Wettkämpfen immer sehr gestresst. Aus diesem Grund überraschte mich dieser Zustand nicht. Wir gingen früher als üblich zu Bett. Jedoch wachte ich ständig auf, träumte vom Lauf & konnte mich eigentlich nicht wirklich erholen.

vor dem start...

Gerade als wir ankamen, fing es an zu regnen. Es war sooo kalt, wie schon lange nicht mehr & am Wasser wehte ein Wind. Nachdem wir unsere Startnummern abholten, mussten wir feststellen, dass ich nur mit der Fähre zum Übergabebereich komme. Das Problem: ich musste die Fähre um Uhr 9:15 nehmen, da ich mit der späteren Fähre zu spät an den Start kommen würde & das Aufwärmen sehr wahrscheinlich nicht reichte. Jap - das wars dann mit dem Anfeuern meines Freundes am Start. Problem Nummer 2 ließ auch nicht lange auf sich warten: die Fähre zurück fuhr um Uhr 10:50. Also keine Chance diese zu erwischen & Warten auf die nächste um Uhr 11:50 war Programm - in der Kälte & im Regen. Zusätzlich hatte mein Freund nicht die Möglichkeit mich im Zielbereich zu empfangen. Keine optimalen Voraussetzungen für den Lauf. 

Auf dem Weg nach Achenkirch mit der Fähre traf ich eine weitere Staffelläuferin, die den Lauf ihres Mannes fortsetzen sollte. Die nette Frau kehrte mit mir in einem Gasthaus, nahe des Übergabebereichs, ein. Da ich kein Bargeld mithatte, lud sie mich freundlicherweise ein. Sie lief nicht zum ersten Mal mit & konnte mir gute Tipps für die Strecke geben. Schon beim Hinfahren musste ich feststellen, dass bei dieser Witterung eine Zeit unter 55 Minuten sehr unwahrscheinlich für mich sind. In erster Linie war es mir wichtig, mich nicht zu verletzten. Sie sprach von vielen Stufen auf den ersten Kilometern.

>>Stufen? Jaja, wird schon gehen. Laufe ja öfters Strecken,

die ich zuvor noch nie gesehen habe, wird schon nicht so schlimm sein.

mein start...

Via Live-Standort ver​folgte ich den Lauf meines Freundes. Somit wusste ich genau, wann ich das warme Gasthaus verlassen musste, um mich aufzuwärmen. Allein das Vorbeigehen zur Toilette bei der Eingangstür, jagte mir einen Schauer über den Rücken. "Gleich muss ich in diese wahnsinnige Kälte & regnen tut's auch noch immer". Diese Gedanken schwirrten mir die ganze Zeit durch den Kopf. Gegen viertel vor motivierte ich mich, mich draußen in der Kälte aufzuwärmen. Mit einem kleinen Trailrunrucksack lief ich im Bereich der Übergabe Runden & versuchte meinen Puls richtig zu pushen. Wer sich jetzt denkt: wer braucht einen Trailrunrucksack auf 9 km? Ich genieße gern den Luxus, wann immer ich will etwas zu trinken.

& dann war es so weit. Meine Startnummer wurde durchgesagt & es war Zeit mich bereit zu machen. Nach nur 1:02 h kam mein Freund um die Ecke. Ich war so stolz auf ihn! Nach dem Abklatschen starteten meine 9,2 km.

der lauf...

Die ersten Kilometer waren eigentlich noch recht flach & führten zuerst durch das Dorf hinaus zum Wald. Gott sei Dank liefen vor mir zwei Männer, sonst hätte ich eine Abzweigung versäumt. Dann ging es mit den ersten Steigungen & Treppen los. Ich war wirklich stolz auf mich, dass ich vorher noch ein paar Männer überholen konnte, jedoch waren sie mir jetzt dicht auf den Fersen. Auf der anderen Seite freute es mich, dass sie bei den starken Steigungen teilweise sogar noch schwerer atmeten als ich. Die Treppen selbst waren nicht das Problem, sondern das unangenehme Treppenverhältnis. Jede Stufe war extrem hoch & für meine kurzen Beine eine wahre Herausforderung. Irgendwann wagte ich einen Blick auf meine Uhr.

>> WAS?!? Erst 75 Höhenmeter überstanden?!?

Meine Geschwindigkeit wurde immer langsamer & die ersten Personen überholten mich. Zeitweise musste ich für die Überholmanöver stehen bleiben, damit sich meine Mitstreiterinnen & Mitstreiter nicht in größere Gefahren aussetzen. Einige Männer, die mich überholten, motivierten mich weiter anzuziehen. Das fand ich sehr nett & hilfreich. Meine einzige Hoffnung war, Zeit im Downhill gutzumachen. Falsch gedacht! Denn der Downhill bestand, gleich wie der Uphill, nur aus Treppen. Es war mir an dieser Stelle möglich, wieder etwas aufzuholen, jedoch gab es vor mir einen Stau & ich konnte nur begrenzt Geschwindigkeit aufbauen. Ehrlich gesagt, kann ich mich an gewisse Passagen nicht mehr genau erinnern. Durch den Anstieg ermüdete ich wirklich extrem stark, sodass mein Kopf nur mehr auf Standby funktionierte. Prinzipiell habe ich sehr gutes Vertrauen in meine Intuition, aber als ich es wagte, einen Blick hinunter zum See zuwerfen, dort nur Klippen & Felsen im Wasser sah, blockierte mein Kopf & nahm weiter Geschwindigkeit & Risiko heraus. Natürlich war es sehr gut, dass viele Streckenposten für die Sicherheit sorgten & gegebenenfalls schnell eingreifen konnten, aber auf der anderen Seite bekam ich nur noch mehr Angst. Beim letzten Anstieg blickte ich auf meine Uhr & sah, dass wir die 150hm geknackt hatten. Auch Streckenposten informierten uns, dass es bald nur mehr bergab ginge. 

Als wir endlich alle Treppen hinter uns ließen, rief ein Mann, dass wir jetzt bestimmt unter 2 Stunden ins Ziel schaffen würden. Ich war davon nicht besonders überzeugt. Meine Beine waren müde, meine Muskeln vollkommen übersäuert & ich war müde - auch im Kopf. Nach der Labestation ging die Strecke wieder im Wald weiter & eine neue Schwierigkeit offenbarte sich: Wurzeln. Es war so anstrengend den technischen Weg mit all der Nässe zu bestreiten. Ich war sowas ja gewohnt, aber nicht so nass & kalt. Nach dem Wald mussten wir über eine Schotterreisse. Dabei scherzte ich noch, dass man diese Stelle doch asphaltieren hätte können. Im gleichen Moment sah ich eine Startnummer einer Mitstreiterin, die auch den Staffel absolvierte. Ich mag Kopf an Kopfrennen & freute mich eine "Pacemakerin" bei mir zu haben. Doch ich wusste, sie hat schon verdammt viel aufgeholt. Und dann passierte es.

>> Ein kurzer Schreckmoment & ich landete am Waldboden.

Stand wieder auf, wischte mir den Dreck von den Händen.

Meine "Pacemakerin" griff mir auf den Rücken & riet mir, weiterhin konzentriert zu bleiben. Doch ich war schon soooo müde & hatte noch die halbe Strecke vor mir.

Kurz ging ich. Mir war nicht ganz klar, was gerade passiert war. Aber schon gleich hörte ich eine Stimme in meinem Kopf: "Jetzt wird nicht kapituliert. Dein Freund hat eine super Zeit hingelegt, verkack' das jetzt nicht!". Widerwillig fingen meine Beine an, sich wieder zu bewegen. Auf der Strecke überholten mich nun auch immer mehr Frauen. Mein Kopf war zwar wieder da, aber keine Hilfe. Alles blockierte. Am Wegrand versuchte ich Blätter zu sammeln, um mir den Dreck aus der Handinnenfläche zu entfernen. Es brannte so sehr! Dann passierte alles so passiv. Die kommenden Kilometer waren um einiges leichter zu bestreiten & vergingen wirklich zackig. Am Ende waren es noch rund 2 km am See entlang. Das Wetter war so eklig & langsam fröstelte ich trotz langem T-Shirt. Der Trailrunrucksack hatte mir meinen Hals aufgerieben & die Stelle brannte mittlerweile immer stärker. Als ich auf die Uhrzeit blickte, war es ca. Uhr 11:47. Der Traum, den Lauf unter 2h zu bestreiten, gehörte der Vergangenheit an. Doch dann hörte ich ein immer lauter werdendes Publikum. "Da vorne ist das Ziel!", rief mir eine Zuseherin zu. Es war Uhr 11:55! Noch einmal zog ich an. 

& da war es: das Ziel! Ein kleines Mädchen hielt bereits eine Finisher-Mediallie in meine Richtung. Ich beugte mich nieder & sie hängte sie mir um. So gefreut habe ich mich schon lange nicht mehr!

 

>> Keine Minute verging & ich verspürte Schmerz.

 

In erster Linie brannten meine Handinnenflächen, doch auch im Kniebereich & beim Schienbein breitete sich ein brennendes Gefühl aus. Netterweise wurde ich sofort verarztet & meine Wunden gereinigt. Als ich wieder Akku hatte, bekam ich von meinem Freund gleich die Mitteilung, dass wir fünfte geworden waren. Trotz all der Kälte, der Nässe & des Schmerzes, ein wahnsinniges Gefühl! Ich denke, solch einen Lauf zu bestreiten, ist immer verbunden mit Leid. Man gibt alles. Bringt sich selbst zu Grenzen & überschreitet diese. Wenn alles zusammen passt, dann kommt dieses einzigartige Gefühl: sich selbst übertroffen zu haben!

Wobei, ohne der Leistung meines Freundes, diese Platzierung nie möglich gewesen wäre. Ich bin so stolz auf dich!

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